9. Januar

Heute feiert sie ihren 70. Geburtstag, die große alte Dame des Folk. Nein, groß von Gestalt ist sie nicht, auch nicht alt, sie wird wohl wieder zu einer Europa-tournee aufbrechen. Habe eine ihrer frühen Schallplatten schon seit mehr als dreißig Jahren in meiner Sammlung. Sie ist auf ihre stille und zugleich nach-drückliche Art immer auf der Seite der Unterdrückten gestanden: Joan Baez.

10. Januar

Lebensmittelskandale ohne Ende? Ob Gammelfleisch oder Dioxin, ob gepanschter Wein oder gespritztes Obst. Im Endeffekt macht's wohl wenig Unterschied, womit wir uns vergiften lassen. Die Verbraucherministerin scheint mehr zu Grunsten der Hersteller als der Verbraucher zu agieren. Und doch: Die Menschen wachen auf. Das wurde heute in einer Diskussionssendung im Rundfunk deutlich und das gibt Hoffnung, daß sich die Dinge ändern werden.

12. Januar

Wir leben im Mahler-Jahr! Für mich gibt es kaum eine schönere Musik als die von Mahler, der 1911 im Alter von nur 51 Jahren gestorben ist. Beim Frühstück sehen wir in der Zeitung, daß noch Restkarten für die Aufführung der 9. Symphonie zur Verfügung stehen, und am Abend sitzen wir schon im Gasteig und lassen uns verzaubern! Eschenbach dirigiert ohne Partitur, hinreißend.

27.  Januar

Im Norden Afrika brodelt es. Tunesien befreit sich von seinem Despoten, und die Unruhen beginnen auf Ägypten und auf den Jemen überzugreifen. Die Menschen sind falsche Autoritäten und Gewaltherrschaft mehr und mehr leid. Bleibt abzu-warten, welche neuen Regierungsformen sich herausbilden werden.

29. Januar

Heute, bei grimmiger Kälte, hat der Buchfink seine ersten Lieder geschmettert. Wenn das nicht schön ist!

5. Februar

Vieles gerät in Bewegung, sogar im Katholizismus. Endlich. Der vom Papst als heilig bezeichnete Zölibat gerät ins Wanken, und die Frauenordination wird ein Thema. Das ist überfällig.

11. Februar

Mubarak sei zurückgetreten, heißt es soeben in den Nachrichten. Er habe die Macht an das Militär übergeben. Bleibt zu hoffen, daß sich nicht eine Militärdikt-atur etablieren wird. Und weiter bleibt offen, wo die vierzig Milliarden Dollar geblieben sind, die Mubarak und sein Familienclan in den vergangenen dreißig Jahren an sich gebracht haben sollen.

12. Februar

Die Familienministerin wolle eine bundeseinheitliche Notrufnummer als Anlaufstelle im Falle von Gewalt gegen Frauen einrichten. Klingt sehr gut. Sollte aber nicht nur für Frauen, sondern mindestens in gleicher Weise für Kinder in Not zur Verfügung stehen.

21. Februar

Die SPD kann das Siegen noch. Nach den gestrigen Bürgeschaftswahlen wird sie künftig in Hamburg allein regieren können. Die CDU hingegen ist fast in sich zusammengebrochen, ob das nun den Grünen, dem früheren Koalitionspartner, anzulasten ist, wie manche es gerne hätten, oder nicht. Auf die Unterschleif-Affäre im Zusammenhang mit der Dissertation des Verteidigungsministers zu Guttenberg wird man es wohl kaum zurückführen können.

1. März

Nun ist er wegen der Plagiatsaffäre zurückgetreten, der Herr Verteidigungs-minister. Nicht daß ich seine Plagiate verniedlichen wollte, was mich jedoch vehement stört, ist die Scheinheiligkeit in Politik und Medien allenthalben. Während man etwa über Verluste von Milliardenbeträgen durch "uninformierte" Politiker in Aufsichtsräten und Verständen schnell zur Tagesordnung übergeht, wird hier ein Publikumsliebling öffentlich vorgeführt, fast könnte man sagen  exekutiert. Das ist mehr als schlechter Stil.

13. März

Die Katastrophe in Japan hat vielleicht ein Gutes: Die Menschen denken ernsthaft über die Sinnhaftigkeit von Kernkraftwerken nach. Die Bundeskanzlerin hält zwar noch an ihrer "Brückentechnologie" fest (Wenn die Brücke weg ist, wird die nächstgelegene Planke kostbar, sagt ein ungarisches Sprichwort), der bayerische FDP-Wirtschaftsminister Zeil sieht keinen Grund, die Atomkraftwerke jetzt abzu-schalten, er will sie aber auf den "Prüfstand" stellen. Ich denke, die Wähler sind da gedanklich schon weiter: Sie werden die Politiker auf den Prüfstand stellen. Ich freue mich schon auf die Landtagswahlen. Der bayerische Umweltminister Söder will sogar über E10 ernsthaft nachdenken, über den sogenannten Biotreibstoff. Was soll denn das Label "Bio", wenn Lebensmittel in Motoren verheizt werden?

17. März

Neun der 17 deutschen Kernkraftwerke könnten abgeschaltet werden, ohne daß Stromengpässe zu befürchten wären, wurde gesagt. Ein paar davon wurden nun abgeschaltet, darunter das schon sehr alte Kraftwerk an der Isar. Der bayerische Ministerpräsident und sein Umweltminister haben hier wohl eine Art Vorreiterrolle inne. Wer hätte das gedacht? Es wird doch nicht so weit kommen, daß ich nach  mehr als dreißig Jahren wieder schwarz wählen werde? Aber die Roten und die Grünen sind für mich (zumindest momentan) kein "Thema" mehr, seit sie sich in der Demontage Guttenbergs selbst "enttarnt" haben.

21. März

Frühlingsanfang! Sonst noch was Positives? Evtl. von der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt? Ach ja, die NPD ist nicht "reingekommen" und die FDP ist "rausgeflogen", das ist doch was! Die Situation in Libyen ist unklar, klar ist nur, daß Westerwelle eine Beteiligung Deutschlands am Luftwaffeneinsatz gegen den Despoten Gaddafi verweigert. Fast müßte man sich deswegen schämen. Noch unklarer ist, wie es in Japan steht. Doch scheint die Welt am Super-Supergau  gerade noch vorbeigeschrammt zu sein.

28. März

Bei den Landtagswahlen in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz stürzen schwarz-gelbe Kartenhäuschen zusammen, und auch in Berlin wackelt schon eines. Da verblassen selbst die Symptome der Schweinegrippe, die mich zur Zeit heimsucht.

4. April

Die gute Nachricht: Westerwelle wird den Parteivorsitz niederlegen und wohl auch sein Amt als Vizekanzler. Ich weiß nicht recht, warum ich ihn nie mochte, vielleicht weil er mir wie ein Junge vorkam, der unbedingt Lokführer werden wollte und der dann, als man ihn in den Führerstand stellte, nur verwirrt um sich starrte. Die weniger gute Nachricht: Er will Außenminister bleiben.

19. April

Kaum wird ernsthaft über eine Autobahnmaut auch für Pkws diskutiert, spricht schon die Kanzlerin ein Machtwort: Nicht in dieser Legislaturperiode. Ich bin auch gegen eine Maut - aber einheitlich in Europa. Was im Moment praktiziert wird, mag im Mittelalter ähnlich gewesen sein: Wo es nur möglich war, wurden Zölle und Gebühren und was weiß ich nicht alles erhoben. Bis hierher und nicht weiter! Die Argumente, die gegen eine deutsche Maut erhoben werden, klingen allzu sehr nach Stammtischgerede.

24. April, Ostersonntag

Auferstehung, ein Wunder? Wunderheilungen? Wunderglaube? Für mich gibt es im Grunde nur ein Wunder, das alltäglichste und meist übersehene und zugleich das größte: Daß etwas IST.  

29. April

Was für ein Gedöns! Da heiraten zwei junge Menschen, brauchen einen Erzbischof dazu, und die Medien sind voll davon. Ach ja, das sind zwei sehr spezielle, William und Kate, die nun versuchen müssen, ihrer hochdekorierten und vor allem hochdotierten Rolle gerecht zu werden. Wenn's nach dem Willen der Queen geht, soll der junge Mann König von England werden, damit sein Vater dieses Amt nicht bekommt. Wie mag es ihm heute ergangen sein, dem Charles? Wurde er nicht von einer dem Protokoll ergebenen Mutter verkorkst?

2. Mai

Gestern: Der Papst spricht seinen vor fünf Jahren gestorbenen Vorgänger "selig" als Vorstufe zur Heiligsprechung. Das ging flott! Das ist Rekord, wie mir scheint. Aber wie steht es mit dessen Unterstützung zum Beispiel des reaktionären, vielleicht gar fundamentalistischen Opus Dei? Ach ja, der Gründer des Opus Dei wurde auch schon heilig gesprochen. Hmmm.

Heute: In den Nachrichten wird immer wieder gemeldet, Osama Bin Laden, der meistgesuchte Terrorist, sei tot. Von einer Elitetruppe der Amerikaner aufgespürt und getötet. Und bereits auf See bestattet, sprich: in's Meer geworfen. Auch das ist flott, sehr flott sogar. Etwa um zu verhindern, daß jemand die Identität des Toten bezweitelt?

8. Mai

Muttertag. Man feiert die Mütter, denkt an sie, dankt ihnen vielleicht. Wäre es nicht angebracht, heute auch Mutter Erde zu danken: Daß sie uns immer noch   (er-)trägt und (er-)hält und (er-)nährt?

12. Mai

Er wird's nicht leicht haben, der erste grüne Ministerpräsident, der nun in Baden-Württemberg gewählt wurde, wenn er auch nur einen Bruchteil von dem umsetzen will, was er ankündigt und sich vorgenommen hat. Eine neue Politik unter Einbeziehung der Bürger schwebt ihm vor. Dafür wünsche ich ihm viel Glück!

17. Mai

Elektroautos sind in aller Munde. Nein, nicht im Mund, auf den Straßen sollen bald eine Million Elektroautos fahren, wenn's nach der Kanzlerin geht. Da wird die deutsche Autoindustrie noch einigen Entwicklungsbedarf haben, hat sie bisher doch eher auf Hybridfahrzeuge gesetzt und die "Elektrik" den Japanern über-lassen. Elektroautos sind in Bezug auf CO2 doch sauber, nicht wahr? Wenn man nicht genau hinschaut, dann schon. Wenn man aber die Stromerzeugung mit einrechnet, dann mag es mit der Sauberkeit nicht gar so weit her sein.

23. Mai

Bei der gestrigen Bürgerschaftswahl in Bremen im Grunde kaum Überraschungen. Die FDP ist nicht mehr vertreten, die Grünen sind erstmals zweitstärkste Kraft, noch vor der CDU. Was soll man sagen? Vielleicht, daß 500.000 Wahlberechtigte fast so viel Einfluß haben wie die großen Bundesländer. Bremen ist das kleinste Bundesland.

25. Mai

Bob Dylan ist 70 geworden. Gestern. Er konnte nicht singen, sah nicht gut aus und konnte nicht einmal gut Gitarre spielen, so zitiert ein Rundfunksprecher irgend einen Kritiker. Na und? Bob Dylan hat Musikgeschichte geschrieben, ich rechne mich zu seinen Fans.

3. Juni

EHEC, die Seuche ohne Ende? Aggresive Bakterien, die sich (lokal) exponentiell vermehren und ihren Wirtskörper vergiften und letztlich vernichten. Kommt das nicht bekannt vor? Verhält sich die Spezies Mensch nicht analog? Sie hat sich (lokal) exponentiell vermehrt, vergiftet in aggressiver Weise ihren Wirtskörper und damit möglicherweise sich selbst. Eins hat sie den Bakterien voraus: Die bringen sich, so weit bekannt, nicht gegenseitig um.

9. Juni

Die Kanzlerin hat wieder mal Oberwasser. Nicht nur, daß sie vom amerikanischen Präsidenten mit der Freiheitsmedaille die höchste amerikanische  Auszeichnung erhalten hat, womit er sie als "außerordentliche Führungspersönlichkeit" würdig-te, sie hat durch den Beschluß zum "Atomausstieg" auch ihren politischen Gegnern den Wind aus den Segeln genommen. Statt daß die Grünen sich über die nun vollzogene  Wende freuen würden, bejammern sie die Vergangenheit, in der die Schwarzen als Bremser fungiert hätten.

18. Juni

Die Griechen haben die Demokratie und die Philosophie "erfunden", sie haben Homer und Sokrates und Plato hervorgebracht, in Griechenland stand die Wiege der abendländischen Kultur. Klar, daß Griechenland zu Europa gehört. Aber muß es deshalb auch zur Euro-Zone gehören?

28. Juni

Was entsteht, wird wieder vergehen. Und irgendwann geraten sogar die stärksten Bastionen ins Wanken. So auch das dreigliedrige Schulsystem. Die CDU habe sich darauf verständigt, das dreigliedrige Schulsystem abzuschaffen, heißt es, nur die CSU scheint noch nicht ganz verstanden zu haben, wohin der Trend geht. Aber die CSU ist lernfähig. Hat sie nicht über viele Jahrzehnte hinweg das neunjährige Gymnasium verteidigt - und dann fast über Nacht abgeschafft.

1. Juli

Organspende: Widerspruchslösung oder Entscheidungslösung? Die Entscheidung scheint sich der Auffassung zuzuneigen, daß jeder Bundesbürger einmal in seinem Leben gefragt werden soll, ob er Organspender werden will oder nicht. Was ist das für eine Gesellschaft, die auf der einen Seite zuschaut, wie weltweit Kinder Hungers sterben und die andererseits Leben um (fast) jeden Preis verlängern will, sofern es nur das eigene Leben ist. Woher kommt der Anspruch auf ein Spenderorgan?, so fragte ein Hörer kürzlich im Rundfunk. Es mag vielleicht Grenzfälle geben, aber mit dem ärztlich konstatierten Hirntod hat der Sterbende seinen Tod noch nicht vollendet. Viele Völker wissen das, die Alten wußten es, nur wir Heutigen haben das vergessen oder wollen es nicht mehr wahrhaben.

8. Juli

Der Olympiatraum ist geplatzt, die Winterspiele 2018 werden im koreanischen Pyeongchang stattfinden und nicht im bayerischen Garmisch-Partenkirchen! Im Grunde müßte ich mich freuen, denn ich war immer ein Gegner des Gedankens, "Olympia" noch einmal hierher zu holen. Habe mich geärgert, wie Politiker die Einheimischen unter Druck gesetzt haben, habe weitere Zerstörungen der Alpen befürchtet, habe ... Und nun, da die Deutschen mit leeren Händen nach Hause fahren, bleibt seltsamerweise ein eigenartiges Gefühl. Was ist der Mensch doch für ein seltsames Wesen.

13. Juli

Am Horn von Afrika hungern auf Grund von Dürre mehr als zehn Millionen Menschen. Man bräuchte, so der UN Generalsekretär, ca. eine Milliarde Euro, um zu helfen. Und die Kanzlerin spendet bei ihrem Besuch in Ostafrika gerade mal eine Million für ein Flüchtlingslager. Der Chef der größten deutschen Bank koste im Jahr (incl. Altersrücklage) ca. 17 Millionen Euro ... Da stimmen die Relationen nicht, das ist schamlos, um nicht zu sagen: pervers.

15. Juli

Sogenannte Ratingagenturen haben Geldpapiere Griechenlands, Portugals und nun auch Irlands als Ramschware herabgestuft. Und können damit ganze Volkswirtschaften in den Ruin treiben. Fast scheint es, als seien sie mächtiger als Regierungen. Und doch sprechen sie wohl nur aus und bringen auf den Punkt, was viele ohnehin denken. Daß es nämlich mit der Bonität mancher Euroländer - und vielleicht gar der USA - nicht mehr weit her ist.

16. Juli

Man brauche mehr Staatsmänner und weniger Politiker, sagte ein republikanischer Senator, weil die gegenseitige Blokade von Präsident und Congress im Streit um eine Erhöhung der Verschuldungsgrenze bald zur Zahlungsunfähigkeit der USA führen könnte. Nicht als Politiker, sondern als Staatsmann hat sich der Präsident gegenüber China verhalten. Er hat sich trotz massiven Protests der Chinesen nicht davon abbringen lassen, den Dalai Lama zu empfangen.

19. Juli

Darf man einen Putin düpieren, etwa indem man ihm den Quadriga-Preis andient und dann auf Grund massiver Proteste die Preisverleihung aussetzt? Vermutlich "darf" man, aber man darf auf die Konsequenzen gespannt sein. Haben die Mitglieder des Quadriga-Komitees nicht mehr Hirn? Mußte man so unglaublich leichtfertig und unbedacht vorgehen?

25. Juli

Gestern: ein wunderbares Konzert in der Basilika Ottobeuren. Die Fahrt hat sich gelohnt, auch weil wir zuvor zufällig in eine so sehenswerte wie ungewöhnliche Foto/Kunstausstellung geraten sind. Zeitkritische Fotomontagen von Pit Kinzer.

27. Juli

Der Flughafen MUC sei eine einmalige Erfolgsstory, wurde unlängst in den Nachrichten verkündet. Interessierte Kreise haben frohlockt, daß die Genehmigung für eine dritte Startbahn nun erteilt sei. Was heißt hier "Erfolgsstory"? Für die Flughafenbetreiber mag's durchaus lukrativ sein, immer mehr Fluggäste und immer mehr Luftfracht abzufertigen. Die Bemühungen um eine Reduzierung der CO2-Emissionen werden damit allerdings konterkariert.

1. August

Die führenden norwegischen Politiker reagieren nach dem Massenmord mit 77 Toten sehr besonnen. Keine Rachegedanken. Wir bleiben eine offene Gesellschaft. Im Gegensatz zu deutschen Politikern, die sehr rasch wieder die Vorratsdaten-speicherung gefordert haben.

6. August

Die Kreditwürdigkeit der USA wurde von einer ersten Ratingagentur geringfügig herabgestuft. China als der größte Gläubiger hat sich massiv zu Wort gemeldet und eine ernsthaftere Sparpolitik gefordert. Die weltpolitischen Gewichte haben begonnen sich zu verschieben. Es ist ja nicht so, als ob die Chinesen mit ihrer Warnung nicht Recht hätten, doch sollte man im Gegenzug die dortigen Macht-haber auffordern, der "Internetpiraterie" Einhalt zu gebieten.

15. August - Ferragosto

Hohe Zeit des Urlaubs, wer kann und will ist in Indonesien, auf den Seychellen oder den Azoren oder doch wenigstens in der Toskana. Und wer nicht will, bleibt zu Hause, dort, wo andere Urlaub machen, und wer nicht kann, weil er in einer "Marginalposition" lebt, der geht auf die Straße, so wie in den letzten Tagen in England oder wie vor wenigen Jahren in Frankreich. Das Establishment schreckt auf. Was haben wir denn falsch gemacht? Nein, nichts haben wir falsch gemacht, der Upper Class at the top of the social hierarchy geht es doch so gut, und die anderen sollen gefälligst schauen, wo sie bleiben ...

23. August

Der Papstbesuch beim Weltjugendtreffen in Spanien kostet viele, viele Millionen Euro. Und was predigt er? Man solle doch Jesus nicht allein nachfolgen, sondern nur in Gemeinschaft mit der Kirche. Sonst laufe man Gefahr, einem Zerrbild zu begegnen. Wenn das nicht ein Eigentor ist! Vielleicht sollte der Papst einmal darüber nachdenken, ob nicht er und seine rotgewandeten Mannen Zerrbilder jenes Wanderpredigers, Heilers und Mystikers Joschua aus Galiläa, genannt Jesus, sind, der sich mit dem religiösen Establishment seiner Zeit angelegt hat und darüber zu Tode gekommen ist.

25. August

Bundespräsident Wulff hat sich bei der Tagung der Nobelpreisträger in Lindau kritisch zur Vorgehensweise bei der Euro-Rettung geäußert. "Solidarität", sagt er, ist wesentlicher Teil der Europäischen Idee. Es ist allerdings ein Mißverständnis, Solidarität allein an der Bereitschaft zu bemessen, andere finanziell zu unter-stützen, für sie zu bürgen doer gar mit ihnen gemeinsam Schulden zu machen." Schön, daß er sich endlich geäußert hat, man hätte fast meinen können, es gebe ihn schon nicht mehr.

4. September

In Israel rührt sich was, Hunderttausende gehen auf die Straße und protestieren gegen soziale Schieflagen. Es wird zu viel Geld für Rüstung und Militär ausge-geben. Dabei gewinnt der Gedanke, einen eigenen Palestinenserstaat anzuerkennen immer mehr an Boden. Das ist gut so. Ich denke, Israel könnte längst Frieden haben, wenn es den Palestinensern gegenüber einlenken würde.

14. September

Die Kanzlerin will Griechenland in der Eurozone halten, führende FDP-Politiker denken laut über ein Auscheiden Griechenlands nach. Es gibt Stimmen, die deutlich machen, wie risikoreich letzteres wäre. Und doch: Will man ein Ende mit Schrecken oder lieber einen Schrecken ohne Ende?

19. September

Die Piraten seien anders, hieß es gestern in einer Wahlsondersendung, sie seien jung, männlich, überdurchschnittlich gebildet und eher ein Ossi. Die Piratenpartei erreicht bei der Wahl zum Berliner Abgeordnetenhaus aus dem Stand ein Ergebnis von 9%, fünf mal mehr als die FDP. Sie haben sich viel vorgenommen, die jungen Piraten, ganz oben in ihrem Programm stehen die Verteidigung der Bürgerrechte und informationelle Selbstbestimmung. Wir werden sehen, was davon in der sogenannten Realpolitik übrig bleiben wird. Wie dem auch sei, ich freue mich jedenfalls über ihren Erfolg.

22. September

Der Papst hält eine gescheite Rede im Bundestag und kommt damit gut an. Seine Gedanken kreisen um die Bitte von König Salomon: Gib mir ein hörendes Herz, die er als Mahnung an die Politiker weitergibt. Ob seine dichten philosophischen Explikationen und Implikationen und sein Rückgriff aufs Naturrecht einer ernst-haften Analyse stand halten würden, lasse ich offen. Ich bin rein zufällig im Auto-radio auf die Liveübertragung gestoßen, wollte schon weiterschalten und bin dann doch hängen geblieben. Habe gern zugehört und muß gestehen: Das hätte ich ihm nicht zugetraut. Bleibt zu hoffen, daß auch er und seine Würdenträger um ein hörendes Herz bitten.

23. September

Kurz vor der Papst-Rede wird im US-Bundesstaat Giorgia trotz weltweiter Pro-teste ein 42-jähriger hingerichtet, der vor 20 Jahren einen Polizisten ermordet haben soll. Obwohl seine Schuld offenbar nicht zweifelsfrei erwiesen ist. Und Präsident Obama will heute in den Vereinten Nationen sein Veto gegen eine Vollmitgliedschaft der Palästinenser einlegen. In was für einer Welt leben wir denn?

4. Oktober

Die Griechen sparen und sparen - und sparen sich kaputt. Daß eine Volkswirtschaft und vor allem eine Mentalität nicht von heute auf morgen sich neu orientieren können, war klar. Vor allem, wenn die Anstrengungen nicht von innen kommen, sondern letztlich von außen diktiert werden. Klar ist auch, daß massive Sparbeschlüsse die Wirtschaftskraft tangieren und damit den Effekt spürbar mindern können. Seltsam: Mir fällt dazu eine fast makabere Story ein: Ein Bauer klagt, er habe nun mit viel Mühe seiner Kuh das Fressen abgewöhnt, und nun, da sie es endlich gekonnt habe, sei sie eingegangen ...

15. Oktober

Eine Woche ohne Nachrichten. Und dann? Zunehmende Proteste gegen ein ungerechtes Wirtschafts- und Finanzsystem. Die Franzosen praktizieren ein Stück Demokratie: Der Präsidentschaftskandidat der Sozialisten wird vom Volk bestimmt, nicht nur von Parteimitgliedern. Ein Möchtegern plant einen Film (ach so: eine Komödie) über Guttenberg. Kommentare überflüssig.

21. Oktober

Durch einen Hebelmechanismus soll die Garantiesumme des sogenannten Euro-Rettungsschirms von ca. 440 Milliarden auf 1000 Milliarden Euro aufgestockt werden. Hebelmechanismus? Klingt elegant, fast harmlos, soll wohl an die Hebel-gesetze der Physik erinnern ... Als ob die benötigten Gelder aus dem Nichts entstünden. Und das griechische Parlament beschließt seine Spargesetze am Protest der Bevölkerung vorbei.

28. Oktober

Was ist das für ein Finanzminister, dem nichts wichtiger zu sein scheint, als möglichst schnell eine gut dotierte Stellung im Bankensektor zu bekommen? Fahrenschon wird's wissen. Vielleicht will er seine Version eines Hebelmechanismus schon mal testen?

2. November

Papandreou hält die Welt in Atem: Zuerst durch das Problem der Überschuldung Griechenlands, nun durch seine Ankündigung, das Volk solle über die Annahme des Euro-Rettungspaketes entscheiden. Ein kluger Schachzug, wie mir scheint. Da treten die Irritationen über die "Fehlbuchung" von mehr als 50 Milliarden (!) Euro bei der Bad-Bank der nun verstaatlichten Hypo Real Estate in den Hintergrund. Scheuble mag sich freuen.

6. November

Israel treibt zum (Präventiv-)Krieg gegen einen Iran, der bald im Besitz von Atomwaffen sein werde. Die Weltgemeinschaft müsse sich ihrer Verantwortung für die Existenz Israels bewußt sein. Das ist richtig, aber doch zu einseitig. Auch Israel muß sich seiner Verantwortung für die Existenz eines Palästinenserstaates bewußt sein. Es ist fünf vor Zwölf.

16. November

Wie war das noch: Italien ohne Berlusconi geht nicht? Doch, es geht, seit heute ist Monti dran. Hat kein kleines Problem vor sich. Italien, die drittgrößte Volks-wirtschaft im Euroraum, wackelt, hat einen Schuldenberg von mehr als einer  Billion Euro aufgehäuft, und einen Rettungsschirm dafür wird's kaum geben. Daß ich es nicht vergesse: Auch Griechenland hat eine neue Regierung, aber seine Schulden mit 200% des Bruttoinlandsprodukts werden das Land noch lange belasten.

24. November

Euro-Bonds? Die überschuldeten Länder würden billiger zu Geld kommen, aber ihre Bereitschaft zum Sparen und zu strukturellen Änderungen würde nicht gefördert. Der Druck auf Deutschland wächst, so einer Lösung zuzustimmen, die Kanzlerin wehrt sich (noch?) dagegen. Sollte es ihr wirklich gelingen, diese Euro-Bonds zu verhindern, hätte sie es dann nicht verdient, zur "Kanzlerin auf Lebenszeit" ernannt zu werden?

3. Dezember

Der Weltklimagipfel in Südafrika wird keine Fortschritte bringen, die sogenannten Schwellenländer wollen erst einmal ihre Industrialisierung voranbringen. Und die USA weigern sich sowieso. Die Kanzlerin sieht die Situation sehr realistisch. Und auch Radermacher hatte das gesehen. Daher sein Vorschlag im Zusammenhang mit dem Global Marshal Plan, die entwickelten Länder müßten sich in doppelter Weise zurückhalten: Sie müßten ihre CO2-Emissionen viel stärker verringern als die Schwellenländer, damit letztere Spielraum für ihre eigene "Entwicklung" hätten. Ich fürchte, die Botschaft wird ungehört verhallen.

12. Dezember

Weltklimagipfel? War da was? Na ja, es waren je nach Zählweise 7000 oder 14000 Mitwirkende dabei, die nun mit einem windelweichen Papier nach Hause gefahren sind. Wie dem auch sei. Der Klimaschutz beginnt nicht bei den Regierungen, die ohnehin von den Lobbyisten gegängelt werden, der Klimaschutz beginnt vor der eigenen Haustür. Oder auch nicht, wenn man zum Beispiel gedankenlos den Automotor laufen läßt, während man in Ruhe die Scheiben freikratzt, wenn man mit Torf versetzte Blumenerde kauft und nicht daran denkt, daß Hoch- und Niedermoore sehr viel CO2 binden, wenn man billiges Rindfleisch kauft, obwohl ein Großteil der klimaschädlichen Gase aus Rindermägen stammen, wenn, wenn, wenn ... Geben wir nicht auf! Fangen wir an, uns neu zu orientieren!

13. Dezember

Gestern noch habe ich gesagt: Fangen wir an! Und heute kommt mir unaufge-fordert ein Buch ins Haus, das genau das tut. Es zeigt einen der vielen möglichen Wege auf, die gegangen werden können. "Wir sind jung und brauchen die Welt. Wie die Generation Facebook den Planeten rettet", so lautet der vielversprech-ende Titel. Der Spendenaufforderung werde ich gerne nachkommen. Plant-for-the-Planet Kinderstiftung, Konto 212 0000 212, Bankleitzahl 251 205 10

31. Dezember

Das Jahr ist vorbei. Was bleibt, außer ein paar schönen oder belastenden Erinnerungen? Was bleibt, ist immerhin die Erfahrung, daß es im Grunde keine Sicherheiten gibt. Die Finanzkrise ist noch lange nicht ausgestanden, die Erklärungen zum Schutz des Weltklimas sind nicht einmal das Papier wert, auf dem sie stehen. Worte, nichts als Worte. Die Kanzlerin hat die Deutschen schon mal auf ein nicht ganz einfaches Jahr 2012 eingestimmt. Es bleiben aber nicht nur die genannten und viele andere Sorgen, es bleibt auch ein Funken Hoffnung, daß die Menschheit sich doch nicht selbst ausrotten wird.