2010

17. Oktober

Die Zeit der Basta-Entscheidungen sei vorbei, sagte der Schlichter im Verfahren Stuttgart 21, Heiner Geißler, und das hört man gerne. Das kann er nicht oft genug wiederholen.

18. Oktober

"Warnung vor Netzkollaps" steht in der Zeitung, dem deutschen Stromnetz drohe eine Überlastung, weil immer mehr Sonnenstrom produziert wird. Und der Strom werde zudem noch teurer. Man hat wohl nicht früh genug darüber nachgedacht. Ach ja, Strom läßt sich nur mit großem Aufwand speichern ...

20. Oktober

Die "Zuwanderungsdebatte" ist nicht zuletzt durch die Rede des Bundesprä-sidenten in Gang gekommen. Endlich. Viele Menschen haben Angst, in Leser-briefen werden die christlich-jüdischen Werte beschworen. Ich frage mich aller-dings, wo diese christlichen Werte bleiben, wenn es zum Beispiel um die Ver-weigerung von Mindestlöhnen geht, wenn Arbeitsplätze abgebaut werden, wenn die Brasilianisierung unserer Gesellschaft munter fortschreitet. Es ist klar: Muslime werden sich stärker als bisher um Integration bemühen müssen, die Türkei wird sich noch mehr europäischen Standards öffnen müssen. Für die angestrebte Aufnahme in die EU ist die Zeit aber noch nicht reif.

23. Oktober

Seehofer kämpft. An vielen Fronten: Raucher- oder Nichtraucherschutz? Aufhebung oder Nicht-Aufhebung der Wehrpflicht? Ja oder Nein zur Rente mit 67? Ja oder Nein zur Zuwanderung? Vor allem aber kämpft er um eines: um seinen Posten als Ministerpräsident.

26. Oktober

Bergleute im Stress. Die 69 Tage im unterirdischen Verließ seien weniger schwierig gewesen als die Zeit nach der Rettung, heißt es. Die Erinnerung mag zwar manches verklären, doch ist unter den 33 Eingeschlossenen eine Gemeinschaft gewachsen, die nun zu zerbrechen droht. Nicht wenige von ihnen fühlen sich massiv unter Druck. Hier die Pressionen der Medien - jeder will ein Exklusivinter-view und am "authentischsten" berichten - dort der Druck der Familie, die Geld dringend brauchen kann. Und die Kumpel bräuchten Ruhe, um das Erlebte verarbeiten zu können.

29. Oktober

Ein neuer Marxismus? Der designierte Münchner Kardinal aus Westfalen legt sich mit den Grünen an: Die finanzielle Unterstützung der Kirche durch den Staat sei legitim, Grundlage sei das einschlägige Konkordat als Folge der Säkularisation. Mag sein, doch hat sich in den letzten 200 Jahren sicherlich einiges verändert, vieles ist längst überholt, und es stellt sich sehr wohl die Frage, ob es nicht an der Zeit ist, einige der alten Zöpfe abzuschneiden.

1. November

Gewalt im Irak. Gottesdienstbesucher werden als Geiseln genommen, bei der gewaltsamen Befreiung kommen fünfzig Christen ums Leben. Der Papst und viele Bischöfe protestieren und fordern ein Ende der Gewalt. Zu Recht. Nur: Warum wird nicht in gleicher Weise Protest erhoben, wenn fünfzig oder mehr Nicht-Christen bei Selbstmordanschlägen getötet werden?

4. November

Präsident Obama, vor zwei Jahren als Hoffnungsträger angesehen, hat bei den Zwischenwahlen eine Niederlage erlitten, die Konservativen und die Erzkonser-vativen werden künftig mehr Einfluß auf die amerikanische Politik haben. Auch die Amerikaner sind nicht davor gefeit, Trommlern und Meinungsmachern nachzu-laufen.

6. November

Die mächtigste Frau der Welt ist ... wer hätte das gedacht: Angela Merkel. Vor ihr kommen fünf "mächtige Männer": die Präsidenten Chinas und der USA, der König von Saudi-Arabien, der Premierminister von Rußland und der Papst. An neunter Stelle steht nach Ansicht des Forbes-Magazins Sonia Gandhi und an zwanzigster Stelle als dritte Frau: Hilary Clinton. In der neuesten innerdeutschen Beliebtheits-skala kommt Merkel erst an Stelle sieben, ganz vorne steht wieder mal eine Art Hoffnungsträger: der derzeitige Verteidigungsminister zu Guttenberg.

9. November

Die Tabaksteuer soll erhöht werden. "Na und?", könnte man sagen, Raucher kommen die Krankenkassen teuer genug zu stehen. "Ja, aber", würde man antworten, "die Mehreinnahmen kommen nicht dem Gesundheitssystem zu Gute, sondern sie dienen als Kompensation für Ökosteuerentlastung von energie-intensiven Großunternehmen." "Aha", wäre vielleicht die Antwort, "da haben unsere hochintelligenten Politiker mal wieder gezeigt, was sie können."

12. November

Die Bundeskanzlerin hat dem amerikanischen Präsidenten in Seoul Paroli geboten, sie hat seinem Wunsch nach Deckelung von Exporten nicht nachgegeben. Im Gegenteil: Obama steht wegen der Dollarschwemme, die der amerikanischen Überschuldung abhelfen soll, in der Kritik. Interessant: Außenpolitisch schlägt sich die Kanzlerin mit Bravour, in der Innenpolitik hingegen scheint sie mir keine gute Figur zu machen.

16. November

Die französische Küche sei in das Weltkulturerbe aufgenommen worden, heißt es heute in den Nachrichten. Recht so! Nur: Wo bleiben dann meine Spaghetti und wo bleibt meine Pizza?

20. November

Nun ist er endlich Kardinal geworden, der Westfale aus München. Und freut sich über sein schönes rotes, standesgemäßes Gewand, das er sich extra hat schneidern lassen. " 's G'wandl macht's Manndl ", sagt der Österreicher, doch die protestantischen Christen kommen ohne Relikte aus dem römischen Kaisertum aus.

21. November

In einer Diskussionssendung des Bayerischen Rundfunks geht um eine Äußerung des Papstes, wonach in gewissen Einzelfällen die Verwendung eines Kondoms erlaubt sei. Der Studiogast fragte, ob dem Papst bewußt gewesen sei, daß er hier eine Tür aufgestoßen habe. Denn, wenn er nicht mehr nur die grundsätzliche Linie, sondern den konkreten Einzelfall betrachte, dann müsse oder könne dies unweigerlich weitere Konsequenzen haben. Ein Anrufer meinte, der Papst sei ein alter Mann, unter ihm ändere sich nichts mehr. Und wenn er einmal im Himmel sei, dann solle er ein Ganzkörperkondom (sic!) bekommen. Aber mal ganz abgesehen davon: Was glauben die alten Männer im Vatikan und anderswo denn, worüber sie zu befinden haben?

24. November

"Bayern ist Wolf-Erwartungsland", sagt der Chef des Landesamtes für Umwelt. Und was ist die Euro-Zone? Ein Krisen-Erwartungsraum? Zuerst Krisen- äh, wollte sagen: Griechenland, jetzt Irland, dann Spanien usw. usf. Ich war lange ein Verfechter des europäischen Gedankens, aber nun kommen mir Zweifel. Zumindest was die sogenannte Euro-Zone betrifft. Da wurde von einigen Ländern wohl zu viel erwartet. Oder es dachten einige, sie könnten auf Kosten der anderen reich werden ... Ich denke es wird Zeit, über den Euro ernsthaft nachzudenken.

28. November

"Die Geschichte der Christenheit ist sicher ein Paradebeispiel dafür, wie die Überzeugung, allein im Besitz der Wahrheit zu sein, also Recht zu haben, das Handeln und Verhalten bis zum Irrsinn korrumpieren kann. Jahrhundertelang galt es als rechtens, Menschen zu foltern und bei lebendigem Leibe zu verbrennen, sobald ihre Auffassung auch nur geringfügig von der Kirchendoktrin oder der engen Auslegung der Schriften  (der 'Wahrheit') abwich, weil die Opfer angeblich 'im Unrecht' waren. So groß war ihr Unrecht, dass sie getötet werden mussten. Die 'Wahrheit' wurde wichtiger genommen als ein Menschenleben. Und was war die Wahrheit? Eine Geschichte, an die man glauben musste, das heißt, ein Haufen Gedanken." [Eckhardt Tolle: Eine neue Erde]

Wie viele haben sich nicht schon die Hände schmutzig gemacht zur Reinerhaltung der Lehre?

2. Dezember

Wieder einmal hat Wikileaks zugeschlagen, hat eine Unzahl von "geheimen" US-amerikanischen Dokumenten veröffentlicht und weltweit viele Diplomaten in Verlegenheit gebracht, um das einmal sehr zurückhaltend zu formulieren. Ich frage mich: Cui bono? Und bin mir sicher, daß das, was hier in Gang gesetzt wurde, nicht zu bremsen sein wird. Was damit deutlicher wird denn je: Die Welt ist in Veränderung begriffen. Die USA befinden sich im Niedergang, "Herrschaften stürzen vom Thron", Mächtige sind mit einem Mal klein und hilflos. Und wir? Wir starren wie gebannt auf das, was sich vor unseren Augen abspielt.

9. Dezember

Er schäme sich nicht, die Verdreifachung der Studiengebühren zu unterstützen, sagte ein englischer Minister, die Welt sei nun einmal so. Ist das nicht schön? Die Formel kommt wie gerufen: Ich schäme mich nicht, Bestechungsgelder angenommen zu haben, mag künftig ein Politiker sagen, die Welt, sie ist nun einmal so. Ich schäme mich nicht, eine Bank an die Wand zu fahren und dafür Millionenboni zu kassieren, denn die Welt ist nun mal so. Ich schäme mich nicht ... Vielleicht sollte ich mich für sie schämen?

14. Dezember

„Laßt wohlbeleibte Männer um mich sein, mit glatten Köpfen und die nachts gut schlafen.“ So will es Gaius Julius Caesar bei Shakespeare. Jeder zweite Bayer sei zu dick oder viel zu dick, so sagt’s gemäß aktueller Zeitungsmeldung das neue statis-tische Jahrbuch. Ach, wenn wir doch ein paar Jahrhunderte früher gelebt hätten! Wie gut hätten wir zu Caesar & Co. gepaßt. Wir? Die bierbäuchigen Schwabbel-Männer und die vielen viel zu dicken Kinder und Jugendlichen? Wichtige, um nicht zu sagen: gewichtige Fragen bleiben offen: Hat die Zahl der Wohlbeleibten zu- oder abgenommen, wie verteilt sich das Körpergewicht auf die Altersstufen oder Berufsgruppen? Und vor allem: Wie sieht's denn außerhalb des Freistaates aus?

15. Dezember

Wie kommt es, daß Berlusconi es immer wieder schafft? Gestern hat er wieder einmal ein Mißtrauensvotum überstanden, und heute befaßte sich das Tages-gespräch auf B2 mit dem Thema. Ein Fazit des Studiogastes war: Die Stärke Ber-lusconis ist die Schwäche seiner politischen Gegner. Die Linken in Europa seien stark gewesen, so lange es etwas zu verteilen gab. Das ist vorbei, und die politi-sche Kraft der linken Strömungen scheint im Niedergang begriffen. Ein Alt-68er und hochbegabter Student hat's vor vielen Jahren so formuliert: "Marx sei's geklagt".

19. Dezember

Ein Leserbriefschreiber lobt die Ministerin Haderthauer, weil sie gegen den Mißbrauch von sozialen Hilfen durch Ausländer vorgeht. Mißbrauch abzustellen, ist nichts Schlechtes. Doch besteht die Gefahr zu übersehen, daß der "eigentliche" Mißbrauch woanders stattfindet: Wer eine Bank gegen die Wand fährt, begeht Mißbrauch, wer sich der Besteuerung entzieht, begeht Mißbrauch, wer der schleichenden Brasilianisierung in unserem Land Vorschub leistet, begeht Mißbrauch. Und zwar in einem Maß, das über den von Haderthauer verfolgten weit hinausgeht.

23. Dezember

"Der Mensch schaut in der Zeit zurück und sieht: Das Unglück war sein Glück."       [Dictum eines weihnachtlichen Anrufers]

31. Dezember

"2011 mit Leidenschaft anpacken", sagt die Kanzlerin. Gut gesagt. Besser noch wäre es, wenn sie selbst etwas von dieser Leidenschaft vermitteln könnte. Dann klänge ihre Aufforderung glaubhafter.